Fluss und Golfgenuss

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Jeden Tag einen anderen Platz entdecken, danach durch schöne Flusslandschaften tuckern: Das bieten die Golftrips des Reisebüros Mittelthurgau nun auch von Stralsund nach Berlin.

Die Anreise im Bus ist lang, besonders, wenn man auf der norddeutschen Autobahn in einen Megastau nach einem Unfall gerät. In unserem Fall regelt die Feuerwehr den Verkehr. Nach gut einer Stunde Wartezeit zeigt sie Erbarmen mit uns Touristen und lotst uns trotz Anhänger eine kurze Strecke rückwärts zur nächsten Ausfahrt. Den Anhänger benötigt der Car für das normale Gepäck, die ganze Golfausrüstung der Reiseteilnehmer bleibt in seinem Bauch. Bequemer geht es kaum. Der Chauffeur wartet am Morgen direkt beim Schiff, bringt die Golfergruppe direkt zum Platz und fährt sie nach der Runde zurück zum schwimmenden Hotel, respektive Restaurant. „Man muss nur selber aufstehen und golfen, alles andere ist organisiert“, fasst es ein Teilnehmer zusammen, der schon mehrfach auf die Kombination Golf und Flussreise setzte. Seit gut sechs Jahren bietet die Twerenbold-Gruppe auf ihren Routen spezielle Trips für Golfer an, ganz neu ebenfalls auf der Strecke von Stralsund nach Berlin.
 
Weite, Wasser, aber wenig Wind
Das Flussschiff Excellence Coral ist für das offene Meer nicht zugelassen, trotzdem hat man an den ersten Tagen das Gefühl von Weite und viel Wasser. Das zeigt sich beispielsweise schon beim ersten Ausflug an die Ostsee auf der Halbinsel Fischland-Dars-Zingst. „Hier windet es 320 Tage im Jahr, den Rest der Zeit haben wir Sturm“, erzählt der lokale Reiseleiter. Zum Baden ist die Ostsee den meisten Touristen zu kalt, die vielen Fahrradwege sind dagegen rege befahren. Das gilt speziell für die autofreie Insel Hiddensee. Dort ist es deutlich weniger windig als befürchtet, die endlos langen Strände locken zum erholsamen Spaziergang, bevor es dann am dritten Tag der Reise erstmals auf den Golfplatz geht. Der Carchauffeur fährt uns zum frisch eröffneten Parcours vom Schloss Ranzow auf der Insel Rügen. Die Sonneninsel wird ihrem Ruf gerecht, der Blick auf die Ostsee im Hintergrund dominiert vor allem die ersten Löcher.
Das ganze Gelände ist äusserst offen gestaltet. Der Platz ist mit 5400 Metern (Par 71) ab Gelb nicht sehr lang und ideal für den Einstieg in die Golferwoche mit fünf Turnieren. Das Terrain ist sanft gewellt, aber ohne Bäume, dafür mit teilweise relativ gut spielbarem Rough. Diverse Bahnen liegen zudem relativ nahe beieinander, so dass Fehlschläge nicht bestraft werden. Auf dem sehr fairen Parcours unterspielt immerhin ein Mitglied der 28-köpfigen Reisegruppe am ersten Tag bereits sein Handicap.
 
Gemütlich im Car
Auf der Rückfahrt im Königsklasse-Car wird aber nicht gefeiert, sondern in erster Linie gemütlich geschlafen, oder es werden die Mails gecheckt. Das Schiff wartet für die nächste Etappe zur Insel Usedom. Wiederum ausgerüstet mit selber zusammengestellten Sandwiches, geht’s zum Balmer See. Hier wird auf den beiden Plätzen Gelb respektive Blau schon deutlich mehr Abwechslung geboten. Beide 18-Loch-Parcours schlängeln sich durch Wald und Weiden. Beide sind problemlos zu Fuss zu bewältigen, vor allem Blau bietet viele interessante Höhenunterschiede, dazu diverse Doglegs. Nach einem sanften Einstieg mit relativ kurzen Bahnen wird es deutlich anspruchsvoller. Speziell etwa das steil abfallende Loch 7, ein Par 3 von 180 Metern Länge mit einem See dahinter, der die zu weit gerollten Kugeln gnadenlos schluckt. Leicht kurios auch die Bahn 9 als extremes Dogleg mit bloss 255 Metern, aber gleichzeitig das drittschwerste Loch auf dem blauen Parcours. Danach geht’s erholsamer weiter, zwischendurch mit schönem Blick auf den namensgebenden Balmer See. Zusammen mit den schönen Reethäusern des Hotels ergibt dies ein höchst natürliches Ganzes. Einige blinde Löcher machen den Platz anspruchsvoll, das Rating ist entsprechend, und ein Golfgenuss ist es allemal.
 
Der Captain bestimmt
Gar nicht freundlich präsentiert sich die nächste Station der Flussfahrt. Im polnischen Stettin regnet es. Wer möchte, kann auf den Golftag verzichten und dafür beispielsweise die spannende Stadt besichtigen. Die anderen Golfer müssen bereits um 7.30 Uhr abfahren, die knapp einstündige Fahrt führt zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Golfplatz Schloss Krugsdorf sieht man die Spuren von heftigem Regen. Vor allem die ersten Löcher sind stark vom Hochwasser betroffen. Das Layout im flachen Gelände neben dem Naturpark ist nicht spektakulär, aber solide und recht abwechslungsreich. Auch hier dominieren die Natur sowie diverse Seen. Eher ungewöhnlich für unsere Verhältnisse ist, dass ein Duschtuch mit 5 Euro zu Buche schlägt. Alles andere ist für die Gäste bereits organisiert, seien es Token für die Driving Range, ein Push Trolley oder sogar der erste Drink nach der Runde. Beim allerletzten Flight reicht es diesmal knapp nicht für eine Erfrischung. Weil der Captain des Schiffes seine Pläne kurzfristig anpassen muss, eilt es plötzlich. Schliesslich kann es nicht an beliebigen Stellen stoppen, um die Golfergruppe nach einem herrlichen Sonnentag wieder an Bord zu lassen.
Auf dem Sonnendeck blickt man inzwischen auf die liebliche Landschaft auf beiden Seiten des Oder-Kanals, bevor das Flussschiff Richtung Berlin tuckert. Im Naturschutzgebiet sind bloss acht Stundenkilometer erlaubt. Gemütlich ist es für die Gäste, während die Crew dafür sorgt, dass bei den tiefen Brücken alle Passagiere auf den Stühlen sitzen. Später wird das Sonnendeck kurzfristig gesperrt, der Captain muss sich einmal flach auf den Boden legen, damit er keinen Schaden nimmt.
 
Zwei Höhepunkte zum Schluss
Flexibel ist auch das Golfprogramm. Weil auf dem vorgesehenen Parcours nur neun Löcher nicht aerifiziert werden, sucht Reiseleiterin Marianna Wirz eine Alternative in der Nähe. Zum Glück hat’s im Golfpark Schloss Wilkendorf trotz der
Ü65-Mannschaftsmeisterschaft noch Platz für unsere kleine Gruppe. Wir spielen den Sandy-Lyle-Platz und sind alle begeistert. Richtig schwierig zwar, aber höchst spannend vom 1. bis zum 17. Loch. Auf der Schlussbahn wird gerade ein neues Grün gebaut, so bleibt bei unserem Besuch ein provisorisches Mini-Loch als Abschluss. Alles andere ist aber grosse Golfklasse, welche der Schotte Sandy Lyle nur 45 Minuten ausserhalb Berlins vor 22 Jahren realisiert hat. Es hat viele Bunker und eher wenig Wasser, aber alle Bahnen sind äusserst harmonisch in die leicht gewellte Landschaft eingefügt. Der Parcours verläuft teilweise gerade, öfters geht es sanft nach oben oder unten, dazu kommen lange Doglegs. Was auffällt: Auf dem Platz ist es extrem ruhig, man sieht kaum eine andere Spielbahn, für mich persönlich das absolute golferische Highlight der Reise. Wer es fast gleich schön, aber etwas weniger anspruchsvoll und kürzer haben möchte, wählt den zwei Jahre später erstellten Westplatz. Hier gibt es dafür noch etwas mehr „Linksfeeling“. Auf dem Westplatz spielten die Ü65-Senioren ihr Strokeplay-Turnier, wir waren mit dem lockeren Zweier-Scramble bestens bedient. Auffallend, wie sich das ganze Personal um die verschiedenen Gäste kümmerte.
 
Viel Natur statt „Todesstreifen“
Gleiches gilt für die abschliessende Station der Golf-Flussreise. Im Norden Berlins spielten wir den Westplatz des Golfclubs Stolper Heide. Hier ist der Anblick des Clubhauses von aussen zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, doch hinter dem Bürobau verbirgt sich ein echtes Juwel. Vor genau 20 Jahren eröffnet, ist der Bernhard-Langer-Platz zwar sehr flach, aber eine naturnahe Challenge. Das Rating ist lange nicht so hoch wie die gefühlten Schwierigkeiten. Diverse Bunker verlangen höchst anspruchsvolle Schläge, vor allem die langen Par-3-Löcher sind happig; auf den Frontnine werden ab Gelb zwei Mal über 180 Meter erwartet. Loch 14 ist zwar nicht lang, dort steckt aber die Fahne ziemlich nah am See. Dazwischen lenken wunderbare Blumenwiesen den Blick auf sich. Ein Teil der Umgebung ist natürliches Gebüsch, andere Flächen wurden mit Bio-Saatgut optisch aufgewertet.
Erst im Nachhinein erfahre ich von der Clubmanagerin, dass die beiden Plätze Ost und West auf der ehemaligen „Todeszone“ zwischen Osten und Westen entstanden sind. Damit wird das Erlebnis trotz des ersten Tages ohne Sonne nochmals eindrücklicher. Hier gleicht der Ostplatz, designt von Kurt Rossknecht, eher einem offenen Links-Parcours. Beim nächsten Trip nach Berlin steht dieser weit oben auf meiner Liste. Schliesslich liegt der Berliner Golfclub Stolper Heide nur 25 Minuten vom Ku’damm entfernt. Unter der Woche kostet der Golfgenuss übrigens gerade mal 50 Euro, eher erstaunlich auch die Preise im sehr schmucken Clubrestaurant innerhalb des Bürohauses. Der doppelte Espresso vor der Runde kostet genau 2.50 Euro. Mit den Schweizer Gästen kann das sogar zu Missverständnissen führen. Einer konnte schlicht nicht glauben, dass zwei Proseccos und ein Wasser bloss 7.80 kosten. „Ich will für beide zahlen“, sagte er zur Serviererin. Diese ganz trocken: „Wir haben hier keine Schweizer Preise.“

Fluss und Golfgenuss - Impressionen