Im Cart am US-Open spielen

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Es war ein spektakuläres Urteil: Casey Martin erkämpfte sich das Recht im Cart auf der Profitour mitzufahren. Nun hat sich der an Durchblutungsstörungen leidende und gehbehinderte Profi sich zum zweiten Mal für das US-Open qualifiziert. 

Bei den US Open, die mitte Juni auf dem Lake Course des Olympic Clubs in San Francisco beginnen, konnte jeder Amateur mit einem Handicap von 1,4 und jeder Professional sein Glück versuchen, sofern er bereit war, 150 Dollar Startgeld zu zahlen. In diesem Jahr meldeten sich für die 156 Startplätze insgesamt 9006 Golfer an. Anfang Juni wurden die letzten 48 Plätze in elf so genannten über die ganze Vereinigten Staaten verstreuten „Sectional Qualifyings“ vergeben und einen davon ergatterte wieder ein Mann, der vor 14 Jahren Schlagzeilen geschrieben hatte: Casey Martin. Oder wie es die Nachrichten-Agentur AP treffend formulierte: „Casey Martin und sein Golfkart sind wieder auf dem Weg in den Olympic Club zu den US Open.“

Der Cart ist immer mit dabei
Der Golfcart, also der Wagen mit dem Golfer vor allem in Amerika über den Platz fahren, ist bei grossen Turnieren den Offiziellen vorbehalten. Alle Profiturniere, alle grossen Amateurturniere absolvieren die Spieler zu Fuss mit einem Caddie. Casey Martin ist dazu nicht in der Lage. Der mittlerweile Vierzigjährige leidet an einer seltenen, angeborenen Durchblutungstörung, dem Klippel-Trenaunay-Weber-Syndrom, einer Krankheit, die sein rechtes Bein verkümmern lässt.

Einstweilige Verfügung
Trotz dieser Behinderung spielte Martin hervorragend Golf, so gut, dass er ein Golfstipendium der Standford University erhielt und er ein Jahr gemeinsam mit Tiger Woods im Golfteam dieser Eliteschule spielte – immer mit einem Golfwagen.
Aber als er wie Woods den Schritt ins Profilager wagen wollte, berief sich die PGA Tour auf ihr Regelwerk, das vorschreibt, dass die Runde zu Fuss absolviert werden muss. Martin verklagte 1997 die PGA Tour nach dem amerikanischen Gleichstellungsgesetz für Behinderte – und durfte zunächst mit einer einstweiligen Verfügung 1998 bei PGA Turnieren fahren statt zu laufen.
2001 gewann er den Rechtsstreit endgültig vor dem amerikanischen obersten Gericht, dem Supreme Court. Der amerikanische Golfverband liess ihn – obwohl viele Profis, darunter die Golflegende Jack Nicklaus, sich dagegen aussprachen - mit einem Golfwagen bei den US Open 1998 im Olympic Club mitspielen (siehe Bild).

Zwischenzeitlich spielte er kaum noch
Martin belegte den 23. Platz, für einen Qualifikanten ein überaus respektables Ergebnis. Ein Jahr später schaffte er den Sprung auf die PGA Tour, verlor aber nach einem Jahr wieder die Spielberechtigung. Er schlug sich danach noch ein paar Jahre auf der Nationwide Tour und kleineren Turnierserien durch. 2006 gab er schliesslich auf und nahm den Job als Golf Coach an der University of Oregon in Eugene an. Golf spielt er kaum noch: Im vergangenen Jahr absolvierte er nach eigener Aussage höchstens 15 Runden – und die letzten neun Tage vor der Qualifikation hatte er keinen Schläger in der Hand. Denn er musste sein Team, die „Ducks“, bei der amerikanischen Hochschulmeisterschaft (NCAA) betreuen, bei dem seine Mannschaft erst im Halbfinale scheiterte.

Ohne Erwartungen 
„Wenn die Qualifikation nicht in Oregon und so nah bei meinem Wohnort gewesen wäre, hätte ich wohl nicht mitgespielt“, sagte Martin. So ging er ohne grosse Erwartungen in das Turnier über 36 Löcher an einem Tag, aber vielleicht war gerade das sein Erfolgsgeheimnis: „Ich habe mich nicht vorbereitet. Ich hatte nur ein paar Schwunggedanken und die haben gut funktioniert. Alles schien so einfach.“
Die Bedingungen waren dagegen extrem: Dauerregen und eine zweistündige Gewitterunterbrechung, die Martin nur 22 Minuten zwischen den beiden Runden Zeit liess, schnell ein Sandwich zu essen. Dennoch absolvierte Martin die Runden im Emerald Valley Resort in Creswell in zweimal 69 Schlägen, bei einem Par von 71 also in vier unter Par – und das obwohl er sich auf der zweiten Runde an den Löchern 16 und 17 ein Bogey einfing, der seinen Vorsprung vor den beiden Verfolgern auf einen Schlag schmelzen liess.

Qualifikation mit einem Schlag Vorsprung
Am letzten Loch musste Martin aus 15 Metern mit zwei Putts, den letzten aus 1,50 Meter, noch das Par retten. „Eigentlich war es schon viel zu dunkel, um weiter zu spielen. Ich hätte eigentlich gar nicht mehr putten dürfen. Aber ich war hundemüde und wollte so schnell wie möglich in mein Bett“, schildert Martin die letzten Schläge auf dem Weg zu den US Open. Er konnte sein Nachtlager mit der Gewissheit eines Sieges gegen 36 Konkurrenten aufsuchen: Er gewann mit einem Schlag Vorsprung vor den Amateuren Daniel Miernicki, einem seiner Schützlinge im Team der „Ducks“, und Nick Sherwood, die noch in ein Stechen um den zweiten Platz mussten, der ebenfalls den Start bei den US Open garantiert.
Martin beschrieb seine letzte Teilnahme bei den US Open vor 14 Jahren als „Wirbelwind“, weil er als einziger Behinderter mit einem Golfcart unterwegs war und deshalb unheimlich viel Medieninteresse auf sich zog. Das wird in diesem Jahr nicht anders sein, aber in diesem Jahr weiss Martin zumindest, was ihn in San Francisco erwartet.
 
Link: Casey Martin vs. die PGA Tour: 10 Jahre danach