BZ: Lernen von den Besten

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Kim und Morgane Métraux machen keine halben Sachen. Deshalb sind sie in die USA gezogen, um in die Weltspitze vorzustossen. Hier lesen Sie die grosse Geschichte von Berner Zeitung und Tagesanzeiger.
 

Am Anfang war eine Idee. «Ich dachte, Golf sei ein toller Sport für die Familie. Meine Frau und die Töchter begannen gleichzeitig damit. Es war mein Ziel, dass wir in den Ferien zusammen spielen können», erzählt Olivier Métraux. Doch der Vater hatte die Rechnung ohne das Talent und die Leistungsbereitschaft seiner Kinder gemacht. Weil Kim und Morgane rasant Fortschritte erzielten, war es mit dem gemeinsamen Spielen rasch vorbei. Mittlerweile sind aus den beiden Mädchen junge Frauen und aus Anfängerinnen Berufsgolferinnen geworden, welche in den USA die Golfwelt erobern wollen.

«Brich unter Druck nicht ein», steht im Obergeschoss des Fitness- und Golf-Centers Golf-Fit in Puidoux bei Lausanne an der Wand geschrieben. Davor stehen Kim und Morgane, die sich einer kleinen Gruppe von Medienschaffenden vorstellen. Die Schwestern erzählen von ihren Heldentaten auf Amateurstufe. Morgane, mit 21 Jahren die Jüngere der beiden, schildert, wie im EM-Viertelfinal 2015 gegen Schweden das Ausscheiden der Schweizerinnen quasi schon besiegelt war. Doch dann versenkte sie die kleine Kugel auf dem 17. Green aus rund zehn Metern Distanz, auf der 18. Bahn lochte sie aus dem Sandbunker direkt ein, und am Extraloch gelang ihr in ihrem Einzel das siegbringende Birdie. Kim, heute 23-jährig, sorgte anschliessend für den Halbfinaleinzug. Am Ende wurde die Schweiz Zweite. An der Team-WM 2016 erwies sich Kim als besonders nervenstark – sie musste aus über drei Metern reüssieren, um die Silbermedaille zu sichern. «Der Ball ging mitten ins Loch», sagt sie strahlend. Und Morgane fasst zusammen: «Am meisten stolz sind wir darauf, einen Beitrag an die Schweizer Golfgeschichte geleistet zu haben.» EM-Silber, EM-Bronze und WM-Silber – und jedes Mal spielten die Métraux-Schwestern eine Hauptrolle.

Das Klavier im Hotelzimmer

Dabei hatten sie anfänglich leidenschaftlich Klavier gespielt, und das durchaus virtuos. Die Begabung im musikalischen Bereich war von mütterlicher Seite her in die Wiege gelegt worden. Doch dann kam Olivier Métraux auf die Idee mit dem Golf. «Am Anfang hatte das Klavierspielen ganz klar Priorität. Zuerst nahmen wir an die Turniere jeweils ein elektrisches Piano mit, damit Kim und Morgane am Abend im Hotel üben konnten. Mit der Zeit wurde alles zu viel – und beide Mädchen entschieden sich für den Sport», berichtet der Sohn des einst in der Motorradszene sehr bekannten Michel Métraux. Auch Olivier Métraux’ Herz schlägt für den Motorrad-Rennsport. Die Töchter hingegen haben gewisse Vorbehalte. Kim ist noch nie auf einem Motorrad gebraust. «Motorräder sind in unserer Familie eine Passion», erzählt sie. «Wir waren an vielen Rennen dabei, aber ich möchte nicht selber fahren. Ich hätte Angst, zu stürzen und mich zu verletzen.»

Nach bestandener Matur entschieden sich die Schwestern, in den USA zu studieren. «Es war die einzige Möglichkeit, die Ausbildung und die Golfkarriere auf hohem Niveau voranzutreiben», begründet Morgane diesen Schritt. Sie wollten in Übersee nicht zwingend an dieselbe Universität. Dass letztlich beide in Tallahassee, Florida, landeten, war trotzdem kein Zufall. «Wir sind uns ähnlich, schliesslich sind wir gleich erzogen worden und zusammen aufgewachsen», sagt Morgane. Und Kim hält fest: «So fiel uns die Anpassung leichter, die halbe Familie war ja noch zusammen. Es ist im Alltag praktisch, eine Schwester zu haben, die dasselbe macht. Wir trainieren zusammen, wir motivieren uns gegenseitig, wir fordern uns heraus.» Schon in der ersten WG klappte es bestens; Kim war für das Waschen, Morgane für das Kochen zuständig.

Spitzenplätze und Bestnoten

Es dauerte rund ein Semester, bis sich die Waadtländerinnen aus Cully an die Umstände fernab der Heimat gewöhnt hatten. «Am Gymnasium waren wir schon fast wie Erwachsene behandelt worden. Und dann kamen wir in den USA an die Universität, und plötzlich gab es Anwesenheitskontrollen und Ähnliches», nennt Kim einen Unterschied. Und Morgane sagt: «Die Amerikaner sind sehr offen, forsch, direkt. Wir Schweizer hingegen sind zurückhaltender. Ich erinnere mich, dass mich unser Coach am Anfang immer fragte, ob wir glücklich seien. Ich antwortete dann: ‹Ja, klar, wir zeigen es nur anders.›»

Nach der Anpassungsphase entwickelten sich die Métraux-Sisters an der Florida State University zu Leistungsträgerinnen – auf dem Golfplatz, aber auch im Klassenzimmer. Sie führten das Team zu zahlreichen Erfolgen und schlossen den Bachelor in Business Management beide mit der Bestnote Summa cum laude ab. «Machen wir etwas, machen wir es, bis es perfekt ist. Die Universität zu besuchen, nur um durchzukommen, entspräche nicht unserem Charakter – so sind wir nicht», erklärt Morgane. Der Mix aus Talent, Ehrgeiz und Intelligenz ist attraktiv. «Die Leistung ist wichtig, aber wir suchen auch starke Persönlichkeiten und gebildete Sportler. Kim und Morgane stehen für Swissness; und sie stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden», sagt Daniela Gisler, geschäftsführende Teilhaberin der Agentur Samm Group, welche die Westschweizerinnen vermarktet.

Nach vielen Erfolgen auf Amateurstufe wollen sich Kim und Morgane Métraux nun auf Profiebene durchsetzen. Anders als bei den anderen Schweizerinnen steht nicht die Europa-Tour (LET) im Fokus; sie wollen sich möglichst schnell für die Ladies-PGA-Tour in den USA qualifizieren. Zu diesem Zweck haben sich die Golferinnen in Lake Nona bei Orlando niedergelassen. Dort profitieren sie von einer hervorragenden Infrastruktur. «Und der grosse Bonus sind die vielen Spitzenspielerinnen und -spieler, die dort trainieren», sagt Kim. Die Weltranglistenerste Ariya Jutanugarn (THA) sowie die ehemalige Nummer 1 Lydia Ko (NZL) bereiten sich ebenso dort auf ihre Wettkämpfe vor wie die Ryder-Cup-Spieler Ian Poulter (ENG) und Henrik Stenson (SWE). Da lässt sich einiges abschauen.

Gesunder Konkurrenzkampf

Das Wichtigste ist für die ambitionierten Schweizerinnen freilich, dass mit der Schwester stets eine Trainingspartnerin bereitsteht, sei es für die vielen Einheiten im Kraftraum, für das Üben des kurzen Spiels oder für eine Runde. «Wir unterstützen uns vor allem mental, auch indem wir uns gegenseitig antreiben, kleine Wettkämpfe austragen», erzählt Kim. Herrscht ein steter familieninterner Konkurrenzkampf? «Irgendwie schon, aber ein gesunder», antwortet Kim. Und Morgane sagt: «Es ist nicht so, dass wir die Schwester um jeden Preis schlagen wollen.» Sportlich hat die Jüngere, die sich 2017 für das US Open qualifizierte, die Nase leicht vorne. Das ist auch der Grund, wieso Morgane diese Woche nur zweieinhalb Fahrstunden von Lake Nona entfernt ein Turnier der Symetra-Tour bestreiten darf, während die dort nicht spielberechtigte Kim auf der anderen Seite der Weltkugel unweit Canberras in Australien an einem LET-Event teilnimmt. Es ist für beide der offizielle Saisonstart.

So ähnlich sich die Métraux-Sisters in vielerlei Hinsicht sind, es gibt doch Unterschiede: Morgane schlägt den Ball auf der rechten Seite des Körpers, Kim ist hingegen ein Lefty. Während Kim laut Vater Olivier extrovertierter agiert, zeigt Morgane auf dem Golfplatz kaum Emotionen. Zudem ist Morgane die etwas Forschere, das äussert sich etwa bei der Formulierung der langfristigen Ziele. Kim möchte dereinst auf der LPGA-Tour spielen und an Olympischen Spielen teilnehmen. Morgane sagt hingegen: «Mein Traum ist, an Olympia dabei zu sein, im Solheim-Cup für Europa zu spielen und Major-Turniere zu gewinnen.»

Der Weg an die Spitze ist noch weit. Was für die Métraux-Schwestern spricht, ist neben dem Perfektionismus die Fähigkeit, unter Druck nicht einzubrechen – gemäss dem Slogan an der Wand im Golf-Fit. Nervenstärke haben sie auf Amateurstufe oft bewiesen. Wie sagt doch Morgane: «Normalerweise sind wir beide unter Druck sehr stark. Mit Druck umgehen zu können, ist das Wichtigste im Sport. Unter Druck wollen wir Erfolg haben.»

 

Albane Valenzuela: Die nationale Nummer 1 ist Amateurin

Die beste Schweizer Golferin ist nach wie vor Amateurin: Albane Valenzuela, die 2016 an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit dem 21. Platz und 2018 am US Open mit dem 24. Rang glänzte, studiert weiterhin an der Eliteuniversität in Stanford, Kalifornien. In der Weltrangliste der Amateurinnen ist die Genferin die Nummer 5, im Ranking der Proetten die Nummer 431. Diese Klassierung wird den grossen Qualitäten der 21-Jährigen freilich nicht gerecht, weil nur vier Resultate in der Wertung figurieren. Morgane Métraux ist als 558. national die Nummer 2, Schwester Kim als 824. die Nummer 4. Dazwischen liegt auf Position 655 noch die routinierte Bündnerin Caroline Rominger. (ädu)

 

Professionelles Frauengolf

Die Ladies-PGA-Tour in den USA dominiert das Frauengolf. Sie schüttet umgerechnet rund 70 Millionen Franken aus und vereinigt die weltbesten Spielerinnen. Die Spielberechtigung kann entweder durch einen Top-10-Platz im Jahresranking der Symetra-Tour gesichert werden, dort sind die Preisgelder nur geringfügig tiefer als auf der Ladies European Tour (LET), oder durch das Überstehen einer dreistufigen Qualifikation. Die Attraktivität der Europa-Tour LET hat aufgrund wirtschaftlicher Probleme in den letzten Jahren abgenommen. Für die LET qualifiziert man sich mit einem Schlussrang in den Top 5 der LET-Access-Series oder via zweistufige Tour School. (ädu)